ImBiss - Die Kantine für Nachtschwärmer

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Eine kleine Anthologie mit Vampiren, die sich heimlich hier unter uns befinden.

Produktinformationen

ImBiss - Die Kantine für Nachtschwärmer ist der erste Sammelband des Vereins ArtMacoro, indem gezeichnete und geschriebene Geschichten gleichermaßen vertreten sind. Dreh- und Angelpunkt dieser Anthologie ist das Hamburger Lokal "ImBiss", ein Etablissement für Leute mit besonderen Geschmäckern. Während die Gaststätte und die Belegschaft des Restaurants vorgegeben sind, darf jeder Künstler seine eigene Geschichte in und um den ImBiss arrangieren. So entsteht eine vielfältige Speisekarte, bei der nichts so ist, wie es zu Anfang scheint.

Produktdetails

Created with Sketch.
  • Veröffentlicht: April 2014
  • Seitenanzahl: 88 Seiten
  • ISBN: 978-3-9503843-0-7
  • Sprache: Deutsch

Leseprobe

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Tropf

Der Klang des herunterfallenden Wassers ist der Herzschlag der allumfassenden Dunkelheit, die ich schwer auf meiner Haut spüre. Einzig das Brennen meiner trockenen Kehle zeigt, dass ich noch am Leben bin. Oder bin ich doch schon gestorben, sodass die Qual meines Wartens mich in das Jenseits begleitet und eine ganz eigene Hölle geschaffen hat? Schwer seufzend lasse ich den Kopf gegen den kalten Stein hinter mir sinken. 

Wie lange bin ich schon hier? Sind es Monate? Jahre oder sogar Jahrzehnte? Ewige Finsternis und ein immer wiederkehrender tiefer Schlaf haben mein Zeitgefühl vollständig aufgezehrt. Wie es meinen Eltern wohl geht? Haben sie mich vergessen? Warum habe ich mich nur freiwillig hier unten einsperren lassen? Die Alternative erscheint mir inzwischen so viel einladender, friedlicher und doch bin ich zu feige, es selbst zu tun.

Ein feines Kratzen von winzigen Krallen auf dem unebenen Steinboden durchbricht die Monotonie. Mein Herzschlag beschleunigt sich, während meine Zunge fahrig über die aufgesprungenen Lippen fährt. Endlich, endlich wagt sich wieder ein neugieriges Exemplar in meine Gefilde vor. Das Letzte liegt schon viel zu lange zurück. Noch sitze ich ruhig, lauere auf mein Opfer, bis etwas an meiner Hand entlang gleitet. Im nächsten Moment packe ich zu. Panisches Fiepsen schmerzt in meinen empfindlichen Ohren und ist gleichzeitig ein Klang süßer als Honig.

Ich rieche die Angst des Wesens, die mich zu Beginn meiner Gefangenschaft noch zurückweichen ließ, doch jetzt hat sie etwas Berauschendes bekommen wie ein guter Wein. Durch meine Hand spüre ich, wie das Blut in dem kleinen Leib zirkuliert und sich dabei der leichte Geruch von Eisen in meiner Nase ausbreitete. Er kommt aus meiner Erinnerung und schürt den Hunger zusätzlich. Meine Eckzähne wachsen und drücken unangenehm auf das gegenüberliegende Zahnfleisch. Der Hunger überrennt meinen Verstand und ich öffne mit einem schmatzenden Geräusch meinen Mund.

Dann beiße ich zu. Das warme Blut gleitet meine Kehle hinab und nur wenige Schlücke später bewegt sich das Tier nicht mehr. Der Geschmack des Blutes lässt mich nur kurz frösteln. Es ist nicht wirklich lecker, doch ich kenne nichts anderes mehr. Selbst die Erinnerung an das Essen meiner Mutter ist verschwunden. Der einzige Geschmack, der noch in meiner Welt existiert, ist der des Rattenblutes.

Ich spüre, dass sich mein Gebiss nicht in das eines Menschen zurückverwandelt und alles in mir nach mehr schreit, doch ich bewege mich nicht. Erneut lege ich den kalten Leib an meine Lippen, um vielleicht noch einen winzigen Schluck zu erhaschen, vergeblich.

Frustriert und mit einem leichten Aufschrei werfe ich den leblosen Körper von mir und grabe meine Finger verzweifelt in den lehmigen Boden. Wie lange wird es dauern, bis ein neues Mitglied der Rattenfamilie zu mir kommt? Werde ich davor wieder schlafen? Ich brauche noch ein Exemplar. Es ist nicht genug. Sie müssen zu mir kommen und mich nähren, doch ich weiß, dass dies so schnell nicht mehr passieren wird. Die Tiere werden mich aufgrund des Todes ihres Artgenossen nun für eine Weile meiden.

Ein knurrender Laut dringt erneut aus meiner Kehle, als ich meinen Kopf zurück gegen den Stein hinter mir sinken lasse. Ich ziehe ein Bein an meinen Körper und höre das Rascheln der Ketten, deren Gewicht ich nicht mehr wahrnehme. Das Blut hat meinen Geist etwas belebt und so wandert er unwiderruflich zurück zu den Bildern meines vergangenen wirklichen Lebens.